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Julia Franz Richter im Interview - Ein Gespräch mit der Schauspielerin
Mit MOTHER’S BABY erzählt Johanna Moder von den Schattenseiten einer idealisierten Vorstellung von Mutterschaft. Der psychologische Thriller begleitet eine Frau, deren lang ersehnte Schwangerschaft und das Leben mit ihrem Neugeborenen zunehmend von Verunsicherung, Kontrollverlust und gesellschaftlichen Erwartungen überschattet werden. In der Rolle der Hebamme Gerlinde verkörpert Julia Franz Richter eine Figur, die zunächst Fürsorge verspricht, deren Nähe aber immer mehr zur Bedrohung wird. Für ihre Rolle wurde sie beim österreichischen Filmpreis 2026 als beste Nebendarstellerin nominiert! Zusätzlich hat uns Julia Franz Richter auch noch eine Kuratierung mit ihren Lieblingsfilmen aus unserem Programm mitgebracht.
MOTHER’S BABY erzählt Schwangerschaft und Mutterschaft sehr unmittelbar und aus einer bislang nicht häufig gezeigten Perspektive. Was hat dich an dieser Erzählung gereizt und wie war dein persönlicher Zugang dazu?
Ich habe durch vergangene Projekte Berührungspunkte mit dem Thema „Regretting Motherhood“ gehabt und weiß aus Gesprächen mit Freundinnen von den Belastungen, die z. B. mit postnatalen Depressionen einhergehen. Als ich das Buch dann öfter gelesen habe, sind strukturelle Fragen für mich immer mehr in den Vordergrund gerückt. Die Frage, was es bedeutet, in einer hochindividualisierten Gesellschaft zu leben, die Elternschaft und Care-Arbeit nur unzureichend kollektiv absichert, gleichzeitig aber sehr klare Vorstellungen davon produziert, was eine „gute“ Mutter sein soll. Die gesellschaftlichen Erwartungen, die insbesondere an Frauen gerichtet werden, sind oft widersprüchlich und letztlich kaum erfüllbar. Abweichungen von diesen Normen werden außerdem immer noch häufig sanktioniert.
In deiner Rolle als Hebamme Gerlinde vertrittst du die gesellschaftlichen Erwartungen an die Mutterrolle, zunächst bemüht verständnisvoll, schnell aber zunehmend fordernd. Wie bist du an diese Figur herangegangen?
Was mich an der Figur besonders gereizt hat, war ihre Übergriffigkeit. In einer früheren Fassung war Gerlinde noch deutlich älter als ich und hat die Protagonistin mehr durch ihre Strenge unter Druck gesetzt. Wir fanden es dann aber spannend, was es macht, wenn Gerlinde im Gegenteil über ihre Wärme und Fürsorglichkeit zur Bedrohung wird. Gerade im Umgang mit dem Thema Eltern- oder Mutterschaft erlebe ich das oft auch viel unangenehmer. Dieses „Ich mein es doch nur gut“. Offensichtlichen Grenzüberschreitungen bei Ratschlägen oder Fragen lässt sich direkter begegnen, als wenn sie freundlich lächelnd daherkommen.
Der Film bleibt dabei konsequent nah an der Wahrnehmung der Hauptfigur (gespielt von Marie Leuenberger). Wie habt ihr diese Intimität und Spannung im Spiel und in der Zusammenarbeit entwickelt?
Wir haben uns in der Vorbereitung über das Verhältnis der beiden ausgetauscht und gemeinsam überlegt, wofür meine Figur eigentlich steht und was ihre Funktion innerhalb des Buches und für die Protagonistin ist. Gerade bei einem Film, der so subtil Spannung aufbaut, fand ich es wichtig, dass der Horror auch im Spiel nie zu offensichtlich wird und man sich bis zum Schluss nicht sicher sein kann, welcher Realität oder Wahrnehmung man glauben kann. Wie Marie sich diesem Kontroll- bzw. Wahrnehmungsverlust genähert hat, fand ich schon beim Proben super beeindruckend.
Gab es einen Moment während der Dreharbeiten, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
In einer Szene musste meine Figur ein Axolotl als Geschenk bei Julia und Georg vorbeibringen. Das Aquarium war riesig und schwer, das Wasser ist mir ständig ins Gesicht gespritzt und das Axolotl sehr verstört darin hin und her geschaukelt. Ich bin kaum durch die Tür damit gekommen und Johanna hat jedes Mal so gelacht, dass ich mich auch nicht mehr ernst nehmen konnte. Gerade bei Projekten, die heftige Themen berühren, bleiben mir die absurden Momente während der Dreharbeiten oft am meisten in Erinnerung.
Wie kam die Zusammenarbeit mit Johanna Moder zustande und wie hast du ihre Arbeitsweise am Set erlebt?
Johanna hat mich direkt kontaktiert und gefragt, ob ich Lust hätte, die Rolle der Gerlinde zu übernehmen. Ich habe sie natürlich über ihre Arbeit, aber auch über Bekannte gekannt und mich wahnsinnig gefreut, dass sie an mich gedacht hat. Der Eindruck, den ich aus der Ferne von ihr hatte, hat sich dann auch schnell bestätigt. Sie hat so eine feine und ruhige Art zu arbeiten, begegnet den Menschen um sich herum mit sehr viel Vertrauen und hat dabei eine klare Vision. Und sehr viel Humor!
Du wurdest bei der Diagonale heuer bereits mit dem Schauspielpreis ausgezeichnet und bist aktuell für den Österreichischen Filmpreis als Beste weibliche Nebenrolle nominiert. Wie nimmst du diese Anerkennung wahr?
Es ist natürlich immer schön, wenn die eigene Arbeit gesehen bzw. anerkannt wird und ich hab mich sowohl über den Preis als auch die Nominierung sehr gefreut. Gleichzeitig wird in Österreich gerade massiv gekürzt, was auch den Kulturbereich trifft. Mehr noch als das Würdigen von Einzelleistungen, fände ich also flächendeckende soziale Absicherung wichtig. Mehr Solidarität und Haltung – auch in der Branche.
Bereits 2020 wurdest du für DER TAUCHER mit dem Diagonale-Schauspielpreis ausgezeichnet, einen Film über familiäre bzw. männliche Gewalt. Auch im Dokumentarfilm GEGEN DAS SCHWEIGEN hast du dich zu Machtmissbrauch in Theater und Film geäußert. Was kann Kino deiner Meinung nach gesellschaftlich und politisch leisten?
Ich glaube, Kino und Theater sind vor allem deshalb wichtig, weil sie Räume sind, in denen Menschen zusammenkommen und für einen Moment dieselbe Geschichte erleben. Gerade in einer Zeit, in der wir vieles allein konsumieren, finde ich dieses gemeinsame Erleben schon sehr besonders. Mich interessiert, dass man durch Geschichten einen Zugang zu Lebensrealitäten bekommen kann, die vielleicht weit weg von der eigenen sind. Nicht unbedingt, weil man danach alles versteht, sondern weil etwas in Bewegung gerät – weil man mitfühlt, sich wiedererkennt oder etwas entdeckt, das neu ist. Dinge, die abstrakt bleiben würden, bekommen ein Gefühl. Vielleicht ist es ein bisschen wie bei Begegnungen mit Menschen, die oft den eigenen Blick auf die Welt erweitern. Kino und Theater können solche Begegnungen ermöglichen – mit anderen Perspektiven, aber auch mit sich selbst. Sie können Diskurse anstoßen und Haltungen formen.
Auf welche Projekte von dir dürfen wir uns in naher Zukunft freuen?
Aktuell spiele ich noch im Volkstheater in „Like lovers Do“, einem Stück über patriarchale Gewalt und wie unsere Vorstellungen von hetero Paar Beziehungen, die zum Beispiel auch stark durch Popkultur/Literatur etc. geprägt ist, damit zusammenhängt. Anfang des Jahres habe ich in England eine Adaption von „Séance on a wet Afternoon“ unter der Regie von Thomas Alfredson gedreht, der nächstes Jahr ins Kino kommt.